Passgenaue Bildungsbiographien entwickeln

20. Juli 2018

Fachgespräch mit Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann

  • Rund 80 Gäste bei Donner + Kern in Waiblingen
  • Mehr Stellen und bessere Bezahlung der Fachkräfte in Kitas

Waiblingen. Digitalisierung, Förderung für Vorschulkinder, Hauptschulsterben, Lehrermangel, verbindliche Grundschulempfehlung: Keines der in der Landespolitik kontrovers diskutierten Themen brachte die Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann trotz tropischer Temperaturen ins Schwitzen. Siegfried Lorek, Landtagsabgeordneter des Wahlkreises Waiblingen und Mitglied im Bildungsausschuss des Landtags, hatte zum Fachgespräch Bildung in das Foyer der Bildungseinrichtung Donner + Kern in Waiblingen eingeladen. Mehr als 80 Gäste, zumeist Lehrer und Elternvertreter, nutzten die Gelegenheit, der Ministerin direkt Fragen zu stellen. Mehr als eineinhalb Stunden nahm sich die Ministerin Zeit, genau hinzuhören, um dann sehr präzise und verbindlich zu antworten. Die Zuhörer dankten dies mit langanhaltenden Applaus. Vor allem als die Ministerin ankündigte, „die Annahme der Grundschulmpfehlung durch die Eltern muss weiter überprüft werden.“ Deutlicher wurde Siegfried Lorek: „Die Abschaffung der verbindliche Grundschulempfehlung war ein Fehler. Wenn der Übergang zukünftig trotz der nun teilweise verbindlichen Beratungsgespräche nicht klappt müssen wir zur verbindlichen Grundschulempfehlung zurück.“

Dr. Susanne Eisenmann rückte in ihrem kurzen Impulsvortrag das Wohl des Kindes in das Zentrum des Bildungsauftrages und forderte die Eltern auf, diesen nicht allein der Schule zu überlassen: „Es gibt zunehmend Eltern, die sich aus der Erziehungsarbeit zurückziehen.“ Um dem entgegenzuwirken, setzt die Kultusministerin auf eine stärkere Förderung bereits in Kindertagesstätten. Bei
mehr als einem Drittel der Kinder würde bei den im 4. Lebensjahr erfolgenden Untersuchungen ein Sprachförderbedarf festgestellt. Künftig sollen die Förderungen einen für die Eltern verbindlichen Charakter erhalten.

Ausbildungsoffensive an Kindergärten

Sie sprach sich zudem dafür aus, dass der Druck von den Eltern genommen werden solle, Kinder möglichst früh einzuschulen. Um den Eltern ein adäquates Angebot für die Kinderbetreuung machen zu können, erkannte die Ministerin einen höheren Bedarf an Grundschulförderklassen.

Die Ministerin kündigte einen Ausbau der praxisintegrierten Ausbildung zur Erzieherin/zum Erzieher (PIA) an. Großen Handlungsbedarf sieht Dr. Eisenmann bei den Grundschulen, um der großen Heterogenität in den Klassen zu begegnen. Deshalb werde Sie weiter in ländlichen Regionen wohnortnahe Schulen nach der Devise „Kurze Beine – kurze Wege“ erhalten.

Die Vielfalt der Schultypen und die Durchlässigkeit des Schulsystems ermögliche es, entsprechend der Entwicklung des Kindes passgenau Bildungsangebote zu machen. „Wir wollen die Eltern nicht entmündigen, müssen aber das Wohl des Kindes sehr viel stärker berücksichtigen. Es nutzt nichts, wenn die Kinder ab Klasse 5 Förderunterricht brauchen und in Klasse 7 die Schule verlassen müssen. Am Ende verlieren nur die Kinder“, betonte die Ministerin.

„Berufliche und akademische Ausbildung ist gleich wichtig“

Die Hauptschule sei auch weiterhin ein wichtiger Teil des Schulsystems: „Ich kämpfe um jeden Standort im Land“, bekräftigte Dr. Susanne Eisenmann. Die Schule sei zu Unrecht als Restschule abgestempelt worden. Die Hauptschulen leisteten „hervorragende Arbeit“, viele seien durch Patenschaften gut mit Ausbildungsbetrieben vernetzt. „Die berufliche und akademische Ausbildung ist gleich wichtig“, betonte sie.

Wenige Tag vor den Sommerferien plagen Schulen, Schulämter und Regierungspräsidien die Sorge um unbesetzte Lehrerstellen – vor allem in den ländlichen Regionen. Susanne Eisenmann forderte deshalb auch eine größere räumliche Flexibilität bei den Lehramtsanwärtern: „Das ist absolut zumutbar“. Auch durch die Anstellung von pensionierten Lehren und erhöhten Deputaten
könne die Pensionierungswelle nicht aufgefangen werden: „Diese war absehbar. Es ist schlicht versäumt worden, rechtzeitig Kapazitäten zu schaffen und Lehrer einzustellen.“

Energisch trat sie der Klage gegenüber, dass Lehrer mit einem befristeten Arbeitsvertrag in den Sommerferien vertragslos seien. Ein Großteil sei aufgrund der fehlenden Qualifikation nicht geeignet für eine dauerhafte Anstellung, die rund 600 für eine Daueranstellung geeigneten Lehrer würden überwiegend kein Interesse an einer Festanstellung haben, zumindest nicht an dem vom Land angebotenen Arbeitsort.

„Großen Nachholbedarf bei der Digitalisierung“, sah sie an den badenwürttembergischen Schulen. Es gelte bei der Digitalisierung dennoch der Grundsatz „Technik folgt Pädagogik“. „Wischen statt lernen“ sei vor allem an Grundschulen nicht die Alternative zu Lesen, Rechnen, Schreiben.